Freitag, 31. Oktober 2014

[Family on Tour] Ziegelei-Museum in Lage



Ziegel? Ein ganzes Museum nur mit Ziegeln? In der Ziegelstadt Lage gibt es das seit den 80er Jahren. Dennoch wusste ich bis vor ein paar Wochen nicht einmal, dass es hier so eine tolle Anlage gibt. Im Sommer war die Zeit leider zu knapp, daher haben wir das schöne Herbstwetter am letzten Sonntag genutzt, um es uns anzusehen. 

Unterstützt wurde diese Entscheidung von der Tatsache, dass an diesem Wochenende dort auch ein Töpfermarkt stattfand. Da ich mich einer kleinen Töpfergruppe in der Nachbargemeinde angeschlossen habe, ideal um Anregungen für die eigenen Arbeiten zu finden. Somit hat sich die Fahrt dorthin gleich doppelt gelohnt. 

Nach einem kleinen Rundgang über den Töpfermarkt mit über 30 Ausstellern haben wir uns einer Führung angeschlossen, die als kleines Zusatzangebot an diesem Tag (wie auch der Eintritt) kostenlos angeboten wurde. 

Gleich zu Beginn der Führung mussten wir uns entscheiden: Entweder ein technischer Rundgang oder ein Rundgang, der sich mit den Lebensbedingungen der Arbeiter und ihren Familien in der Fremde beschäftigt. Die Mehrheit hat sich für den technischen Rundgang durch die Produktionsanlagen entschieden, was ich zunächst etwas schade fand. Dennoch war ich am Ende sehr froh über diese Entscheidung unserer Gruppe. 

Eine fröhliche und freundliche Dame, begleitet uns durch die Anlagen und erklärt, wie hier vor über 100 Jahren die ersten Ziegelsteine hergestellt wurden. Gemeinsam gehen wir mir auf eine kleine Zeitreise bis in mein Geburtsjahr 1979, als der Betrieb geschlossen wurde. 


Hat euch schon mal jemand gesagt, dass ihr Käsemauken habt? Hoffentlich nicht, denn damit meint man im heutigen Sprachgebrauch übel riechende Füße. Doch seinen Ursprung hat dieses Wort eigentlich woanders, nämlich am Anfang des Ziegelsteines. In der sogenannten Maukegrube wurde der Lehm weicher gemacht.  Dafür lief ein Pferd im Kreis und sollte sich dabei auch erleichtern, denn die Bakterien wurden benötigt, um mit dem Lehm zu reagieren. Erst dann ist der Lehm verarbeitungsfähig. 

Jetzt kommt der Kollege ins Spiel, der (ohne Scherz) den passenden Namen zu seinem Beruf hat: Mike Steinchen. Er zeigt uns, wie aus dem Lehn Ziegel geformt werden. Eigentlich funktioniert das genau wie Kuchen backen, Form  an den Rändern mit Sand ausstreichen, Lehm einfüllen und die Form wieder rausziehen. Ein Arbeiter dieser Zeit hat in der Stunde 200 solcher Ziegel gefertigt. Was das für eine Leistung ist, sollte ich später noch feststellen.


Anschließend müssen die Ziegel 7-8 Wochen trocken und dabei immer wieder gewendet werden. Erst danach können sie gebrannt werden. 

Dazu baut man einen Ofen, in dem die Ziegel einen Tag und eine Nacht (je nach Größe des Ofens) brennen. Dann ist der Ziegel fertig. 

40 Jahre später, als die Ziegelproduktion durch Krieg und dann auch durch das Wirtschaftswunder und dem damit verbundenen Wiederaufbau seine Blütezeit erlebt hatte, wurden einige Investitionen getätigt um die Produktion auf die maschinelle Fertigung umzustellen.


Jetzt kann man deutlich mehr Ziegel in weniger Zeit herstellen.
Der Lehm gelang mit den Muldenkippern in die erste Etage der Fabrikhalle. Von dort aus gelangt er in die den Kastenbeschicker und wird anschließend in durch die Haspel gedreht, um zerkleinert zu werden.

Jetzt noch schnell die großen Steine herauslesen und ab in den Kollergang, wo der trockene Lehm wieder mit Wasser vermengt um eine ideale Konsistenz zu erhalten. Nun können die Ziegel geformt werden und gleichmäßig in einzelne Ziegel geschnitten werden. Damit ist der Ziegel als solcher fertig. Nach dem Trocknen geht es in den Hoffmannschen Ringofen, wo die Ziegel gebrannt werden. Die Ofenfunktion selbst kann ich nicht erklären, das war mir zu viel Physik in zu kurzer Zeit (und das war noch nie meine Stärke!). 


 

Unser Rundgang endet auf dem Dach des Ofens, der schon zu seiner Betriebszeit ein beliebter Spielplatz für die Nachbarskinder und warme Erholungsstätte für die Rückenschmerzen geplagten Arbeiter war. Hier können wir sehen, wie sich die Technik verändert hat, denn der Brennmeister musste sich immer neuen technischen Entwicklungen anpassen. Von einer einfachen Öffnung im Dach, mit der er die Glut betrachten konnte, bis hin zu modernen Öl-Heiz-Verfahren, musste er immer die Temperatur halten können, um ein optimales Brennergebnis zu erzielen.
Insgesamt dauert der Rundgang 1,5 Stunden, und ist sehr interessant und auch kurzweilig. Immer wieder wird das Publikum mit einbezogen und insbesondere Torben fand das natürlich klasse, dass er immer wieder angesprochen wurde.  
Anschließend schauen wir uns die Lebensart der Arbeiter noch auf eigene Faust an. Durch die Schilder, die überall aufgestellt sind, erklärt sich das Thema auch ohne Führung von selbst. Es gibt ein Haus, das die Unterkünfte in der Ziegelei zeigt, und ein Haus, das die Trennung von zu Hause thematisiert, samt der Schwierigkeiten der zurückgebliebenen Frauen. 

Die Ziegelei mit Kindern?

Durchaus!!! Wer denkt, dass man hier nur an alten Maschinen entlanggeht, der täuscht, das gesamte Museum ist sehr stark auf den Besuch von Kindern ausgerichtet. Das beginnt schon bei den beiden Maskottchen des Museums: Toni – einem kleinen, wissbegierigem Ziegelstein und Herrn Lehmann, einem Ziegelarbeiter. Sie begleiten die Kinder die ganze Zeit durch das Museum. Man findet sie an allen wichtigen und interessanten Stellen auf Comictafeln, in denen sie die Maschinen oder Vorgänge in einem kindgerechten Dialog und mit ansprechenden Bildern verständlichen machen. So werden selbst komplexe Themen greifbar und spannend für die Kinder. 

Außerdem gibt es immer wieder Mitmachstationen, an denen die Kinder selbst ausprobieren können. Beim Aufzug des Muldenkippers ist der Vorgang anhand einer Holzeisenbahn erklärt, an der die Kinder spielen können und an anderer Stelle können die Kinder selbst kleine Ziegel von einer großen Stange abschneiden, die sie an der Lehmpresse selbst hergestellt haben.  Ein Modell finden die Kinder auch am Ringofen, wo die Kinder die Arbeit des Brenners übernehmen können, der das Feuer anheizt und am Kollergang.

Das Highlight ist natürlich die Möglichkeit, einen eigenen Ziegel herzustellen. Auch Torben und ich lassen uns das natürlich nicht entgehen. Wir bekommen große Schürzen und dann kann es auch schon losgehen. Lehm aus der Grube holen, Form auswaschen und mit Sand ausstreichen, Lehm in die Form „klatschen“ und aus der Form nehmen.  Unsere Hände sind voller Lehm und zugegeben, wir haben bei dieser „Arbeit“ richtig viel Spaß. Mike Steinchen ist auch vor Ort und steht als Hilfe immer zur Verfügung. Man merkt ihm an, wie viel Spaß ihm sein Beruf macht. Als unsere Ziegel aus der Form genommen sind, dürfen wir sie nach Herzenslust verzieren. Schade, dass Finja dieses Mal nicht dabei ist, denn das hätte ich sicher auch viel Spaß gemacht. 


Unsere Steine müssen nun 2 Monate trocknen, dann können sie gebrannt werden. Wir werden also Ostern noch einmal wiederkommen um unsere Steine abzuholen. Und dann kann auch Finja ihren Stein machen, den wir dann im Herbst abholen. Wir werden also das Museum noch ein paar Male besuchen. 

Ziegelei auf einen Blick
  • Das Museum bietet tolle Sonderaktionen an, die man auf der Homepage nachsehen kann – dann lohnt sich ein Besuch doppelt.
  • Die Museumsbahn fährt jeden ersten Sonntag im Montag (Fahrpreis/Person: 0,50 €)
  • Jeden Sonntag findet um 11:00 Uhr eine kostenlose Führung statt (es ist nur der normale Eintrittspreis zu zahlen) 
Adresse: 

LWL-Industriemuseum
Ziegeleimuseum Lage 
Sprikernheide 77
32791 Lage
Tel. 05232 9490-0

Öffnungszeiten:

 Dienstag bis Sonntag 10-18 Uhr sowie an Feiertagen. An Weihnachten (24. und 25.12.) sowie Sylvester und Neujahr ist das Museum geschlossen.

Eintrittspreise: 

Erwachsene: 3,00 €             
Kinder (6-17 J.): 1,50 €
Famlienkarte: 7,50 €

Donnerstag, 30. Oktober 2014

[England] Beamish Teil 2


Beamish Teil 2
Nachdem wir die Stadt und den Bahnhof hinter uns gelassen haben, fahren wir mit der Schienenbahn zum Bauernhof aus dem Jahr 1940. Hier sehen wir, wie die Menschen zur Zeit des Weltkrieges auf dem Land gelebt haben. Doch bevor wir den kleinen Weg zu dem Hof hochgehen, müssen wir noch ein Erinnerungsfoto mit dem netten Zugbegleiter machen, mit dem wir auf der Fahrt ins Gespräch gekommen sind.

Das Erste, was wir von der Farm sehen, sind Schafe, die hier genüsslich auf einer Wiese grasen. Gleich dahinter befindet sich ein altes Bauernhaus. Hier drinnen sitzt eine Frau mit Kopftuch und Schürze an einem kleinen Tisch und strickt an einem Paar Socken. Neben ihr sitzt ein junger Mann, der ausschaut, als würde er sich einen Moment von der Arbeit ausruhen.

Wir gehen die Treppen des Hauses hoch in die oberen Räume, wo sich das Schlafzimmer befindet. Auf der Kommode stehen alte Fotografien, wahrscheinlich von Angehörigen, die wegen des Krieges fernab von Daheim sind. Die Zimmer sind deutlich spartanischer ausgestattet, als das noch in dem Bauernhaus 100 Jahre zuvor der Fall war. Die Möbel sind eher funktionell, denn verschnörkelt. Wieder im Erdgeschoss angelangt, gehen wir duch eine Tür im Wohnzimmer in den wunderschön angelegten Bauerngarten.

Gleich neben dem Bauernhaus befindet sich eine kleine Gaststätte, an der man sich mit kleinen Snacks und Getränken stärken kann. Auf dem großen Hof befinden sich lange Tische und Bänke, an denen man es sich bequem machen kann.

An dem Tor zur Straße steht ein Mitarbeiter in Bauernkleidung, der uns auf den weiteren Teil hinweist, der sich auf der anderen Seite der Straße befindet. Es handelt sich hier um eine richtige Straße, die das Museum trennt. Auf der anderen Seiten sind große Scheunen, in denen der Maschinenparkt Platz findet: große Erntemaschinen, Traktoren.


Meine Männer sind begeistert. Finja und ich sind froh, als wir um die Ecke biegen und wieder etwas anderes anschauen können – den Hühner- und den Schweinestall beispielsweise. Die Tiere tragen nicht unwesentlich dazu bei, dass es sich anfühlt, als wären wir einfach nur in der Zeit etwas zurückgesprungen, so authentisch wirkt das Geschehen auf dem Hof. Direkt neben dem Pferdestall befindet sich ein Traktor, den die Kinder sofort beklettern und sich hinter das Steuer setzen.

Von hier aus gelangen wir in das nächste Bauernhaus. Es ist wesentlich größer als das Erste und auch der Krieg ist hier viel präsenter. In der Auslage sehen wir einen Rationalisierungsplan für Lebensmittel, sogar ein spezielles Weltkriegs-Kochbuch aus der Zeit.

Im Wohnzimmer steht eine etwas ältere Dame an einem Teppich. Neugierig schauen Finja und ich zu, was sie da macht. Torben höre ich im Nebenraum auf der Schreibmaschine schreiben, Kevin hat es sich auf dem großen Sofa vor dem Kamin gemütlich gemacht. Wir haben also etwas Zeit um uns genau erklären zu lassen, wie genau die Teppiche hergestellt werden. Finja darf es dann auch direkt ausprobieren und ich nehme mir vor, das zu Hause unbedingt nachzuarbeiten, denn die Teppiche sehen einfach klasse aus und sind noch dazu eine wunderbare Upcycling-Idee. Sobald ich das umgesetzt habe, werde ich das hier auf dem Blog ausführlich vorstellen. Meine Männer grinsen schon, weil sie diesen Glanz in meinen Augen sehen, der ihnen sagt, dass ich eine neue Idee aufgetan habe…



Es ist schon Nachmittag, als wir das Dorf der Kohlearbeiter aus dem Jahr 1900 erreichen. Die Kohleförderung war in dieser Gegend ein wichtiger Industriezweig und ist daher auch in diesem Museum ein wichtiger Part, der das Leben der Menschen in dieser Region zeigt. Denn auch das macht dieses Museum aus, es ist ein Museum, das die Lebensweise genau dieser Gegend aufgreift.


 

Bevor wir zur Kohle selbst kommen, schauen wir uns ein wenig im Dorf selbst um. Am großen Schulgebäude ist besonders viel los, zum einen wohl, weil das von der Thematik her für alle gleichermaßen spannend ist, zum anderen weil es draußen viele Spielgeräte zum Ausprobieren gibt. Es gibt Ringe, die mit einer Stange zum Rollen gebracht werden müssen, doch bevor es soweit ist, schauen wir uns erst ein wenig im Klassenzimmer um. Anders als in anderen Museen, steht hier ein Lehrer hinter dem Pult, der ein genaues Auge auf seine „Schüler“ hat. An den kleinen Tischchen liegen Schiefertafeln und Stifte bereit, mit denen man seinen Namen oder etwas anderes schreiben kann. Die Tische sind sehr klein und eng, nicht mal die Kinder passen rein. Wahrscheinlich handelt es sich hier um eine erste Klasse. An den Wänden hängen Poster mit dem Alphabet und verschiedenen Tieren. Auch eine Karte von Großbritannien darf natürlich nicht fehlen. An der Wand befindet sich eine große Glasvitrine mit ausgestopften Tieren. Die Kinder sind etwas eingeschüchtert von dem Lehrer, der seinen Rohrstock in der Hand hält. Er droht nicht damit, aber allein, dass er ihn hält flößt schon Respekt bei den Kindern ein. Ich bin froh, dass diese Zeiten vorbei sind. Wie oft hätte ich wohl meine Hände nach vorn halten müssen? Darüber will ich lieber gar nicht nachdenken. Obwohl, eigentlich war ich schon eine pflegeleichte Schülerin, finde ich – so aus heutiger Sicht. Schade, dass meine Lehrer hier nicht mitlesen und das mal eben bestätigen können ;-)

Im Nebenraum ist die Gestaltung des Klassenzimmers noch kindgerechter, dies ist augenscheinlich die erste Klasse (mit noch kleineren Tischen) und ich frage mich, welche Stufe wohl in dem anderen Raum unterrichtet wurde. „Wahrscheinlich alle anderen Stufen gemeinsam“, sagt mein Mann dazu. Und stimmt, das kann hinkommen, denn der Klassenraum war mehr als doppelt so groß wie der Raum, in dem beispielsweise Finja heute unterrichtet wird.

Jetzt aber gibt es kein Halten mehr, wir müssen die großen Ringe ausprobieren. Als ich aus der Tür trete, rennt ein kleiner Junge mit seinem Reifen an mir vorbei. „Das scheint ganz einfach zu sein, sage ich zu Finja und schnappe mir einen der Reifen, die im Flur zum Pausenhof hängen. Finja nimmt sich ebenfalls einen Reifen von der Wand, während Torben das Ganze zu kindisch ist, und er sich mit seinem Papa einen Platz auf einer Mauer im Schatten sucht und dem Treiben lieber nur zuschaut. Wahrscheinlich ist das auch viel amüsanter, denn Finja und ich bekommen den Reifen natürlich nicht zum Rollen. Es ist wirklich zum Verzweifeln, aber nichts zu machen, Egal wie wir es angehen, es will uns einfach nicht gelingen. Torben und Kevin lachen uns an nicht aus, wie sich uns versichern, aber wir geben nicht auf. Erst als dieser kleine Junge wieder mit seinem Reifen an mir vorbei läuft, hänge ich den Reifen niedergeschlagen zurück an die Wand. „Mach dir nichts draus Mama, du kannst eben andere Sachen“, tröstet mich mein Sohn. „Ach ja? Was denn zum Beispiel?“. „Naja, du kannst uns ein Eis kaufen!“. Sie haben den Eisstand auf der gegenüberliegenden Seite des Dorfes natürlich sofort entdeckt. Da helfen keine Ausreden mehr, denn zu so einem schönen Sommertag gehört ein Eis einfach dazu. Ich kann sie gerade noch dazu überreden, erst einen Blick in die Kirche und die Wohnhäuser zu werfen, damit wir diesen Teil des Dorfes noch gesehen haben und dann nach dem Eis uns in die Kohleförderung und –verarbeitung stürzen können.

Die Kirche ist nicht sehr groß, aber dennoch gibt es hier natürlich einen Pfarrer, der uns in „seiner“ Kirche willkommen heißt. Hinter dem Kirchraum befindet sich ein kleines Zimmer, das ihm als Arbeitszimmer dient. Hier stehen viele alte Bücher in den Regalen. Es ist ein heimeliges Arbeitszimmer, auf das ich fast ein bisschen neidisch bin. So ein schöner alter Schreibtisch würde mir auch gut gefallen.

Auf der gegenüberliegenden Seite fallen zuerst die großen Gärten auf, teilweise sogar mit kleinen Gewächshäuschen drauf. Dahinter befindet sich eine kleine Reihenhaus-Siedlung, die zu jener Zeit den Kohlearbeiter und ihren Familien von dem Bergwerk selbst zur Verfügung gestellt wurden. Sie konnten hier für die damaligen Verhältnisse günstig wohnen. Schon damals wusste man, wie man Mitarbeiter für sich einnimmt, denn die Arbeit in der Mine war harte Arbeit. Dafür verdiente ein Mienenarbeiter auch doppelt so viel, wie ein Landarbeiter. Die Agrarwirtschaft war zu der Zeit der zweite große Wirtschaftszweig dieser Region Wie genau der Alltag im Bergwerk aussah, werden wir noch kennenlernen, doch jetzt erst mal das versprochene Eis.


Ein kleiner Stand am Ende des Dorfes bietet Eis und frische Waffeln an. Die Sitzbänke im Garten laden zu einer kleinen Pause unter großen Bäumen ein. Wir genießen die Pause, denn mittlerweile ist schon später Nachmittag und wir sind ganz schön geschafft. Ich krame meinen Museumsguide heraus und lese mir die Abschnitte des Kohledorfes durch. Das Buch ist wirklich eine große Hilfe, zum einen, um sich auf dem riesigen Gelände zurecht zu finden und zum anderen, weil man darüber wirklich interessante Background-Informationen enthält.

So erfahre ich, dass 1913 alle 5 Minuten ein Mienenarbeiter verletzt oder getötet wurde. Über 1000 Menschen sind in diesem Jahr in den Mienen getötet wurden. Das ist also definitiv kein Job für Feiglinge. Wie hart die Arbeit war, das erfahren wir bei der Mienenbesichtigung. Von zwei Mienenarbeitern werden wir mit Schutzhelmen ausgestattet. Doch bevor es in die Miene geht, erklärt uns ein weiterer Arbeiter etwas über die Arbeit als solches, den Alltag der Mienenarbeiter und auch die damit verbundenen Gefahren.

Dann geht es in die Miene. Ich bin klein, mit meinen 1,60 m brauche ich mich in den wenigsten Fällen zu ducken, doch hier tatsächlich komme ich selbst als Zwerg nicht durch. Ab der Hälfte des Weges ist die Miene nur noch etwa 1,20 m hoch. Für Klaustrophobiker ist dieser kleine Ausflug in die Welt der Kohle nichts. Aber es kommt noch schlimmer. Wir halten an einem kleinen Wanddurchbruch, an dem wir einen Kohlebohrer sehen, die uns unser Guide ausführlich erklärt. Dann geht es den Gang weiter in den Berg hinein. Am Ende stehen wir in einer kleinen Höhle, dem Arbeitsplatz des Mienenarbeiters. Auch hier ist Stehen unmöglich, gearbeitet wurde hier im Liegen – und – jetzt kommt’s: Im Dunkeln!! Um diese Atmosphäre einmal nachempfinden zu können löscht unser Guide für einen Moment das Licht und wir stehen in der dunklen Miene, gebückt, die Decke direkt über uns. Gerade als mein Kopf auf Panik umschalten will, geht das Licht wieder an. Keine Sekunde zu früh.

Ich bin ehrlich erleichtert, als wir wieder an frischer Luft sind, und da bin ich augenscheinlich nicht die Einzige. Dennoch war das natürlich ein sehr interessanter Einblick. Wir geben unsere Helm zurück, die wieder ein dem alten Kohlewagen landen, und steuern auf das Fabrikgebäude „Heapstead“ zu, in dem die Kohle weiterverarbeitet wird. Hier wird auch die Kohle abgewogen, die die Arbeiter abliefern, denn sie werden nach Gewicht bezahlt. Zuvor wird die Kohle jedoch von Steinen und anderen Fragmenten getrennt. Diese Arbeit wurde häufig von sogenannten „Screeners“ übernommen, dies waren in der Regel Frauen, ältere Menschen, die nicht mehr in der Miene arbeiten konnten, oder Jungen, bevor sie in der Miene eingesetzt werden konnten.


Als wir mit dem Bus zurück zum Eingang fahren, haben wir nur noch wenige Minuten Zeit, bis das Museum schließt. Wir haben die Zeit wirklich komplett ausgenutzt. Dabei sind wir die Strecken zwischen den Dörfern gefahren und nicht gelaufen, ich glaube laufend würde man das gar nicht schaffen. Das lohnt sich vor allem für jene Besucher, die vor Ort wohnen und das Museum daher regelmäßig besuchen. In diesem Fall ist das eine sehr schöne Sache, denn die gesamte Anlage sieht sehr idyllisch aus.

Beamish ist das beste Freilichtmuseum, das ich je erlebt habe! An Authensität ist das Beamish nicht zu überbieten. Sei es die vielen kleinen Details oder die Mitarbeiter, die das Museum in „ihrer Zeit“ lebendig machen. Sie sind nicht einfach nur „verkleidet“, sie leben das mit. Und genau das macht das Museum zu einem absoluten Zeitreise-Erlebnis. Irgendwann vergisst man einfach, dass es ein Museum ist, das die Menschen hier nicht wirklich leben. Es hängt Wäsche an der Leine, in der Küche eines Hauses backt im Ofen gerade ein Brot, lebendiger geht es eigentlich nicht. In einem der Bergbau Häuser entdecke ich einen der schönen Teppiche wieder, die wir zuvor auf der Farm schon bewundert haben.

Wir sind mehr als begeistert, allein dafür lohnt es sich schon, mit der Fähre nach Newcastle zu fahren und das Museum zu besuchen! Einfach nur genial! Und für (Hobby-)Fotografen ein Paradies an Möglichkeiten! Sollten wir noch einmal in diese Gegend fahren, steht das Beamish auf jeden Fall wieder auf dem Programm!

Beamish at a glance:
  • mindestens einen Tag einplanenen, sonst schafft man es einfach nicht, alles zu sehen
  • Das Guidebook lohnt sich auf jeden Fall und bietet viele Hintergrundinformationen
  • Mach das Beste aus deinem Besuch: Sprich die Menschen auf den Farmen, in den Häusern und Geschäften an, stelle Fragen, so wird das Erlebnis "Beamish" noch lebendiger!
Adresse:

Beamish Museum
Beamish
County Durham
DH9 0RG

Öffnungszeiten:

In den Sommermonaten: 10:Uhr – 17:00 Uhr
Die Winteröfnungszeiten variieren. Nicht immer haben alle Akttraktionen geöffnet. Weitere Informationen auf der Homepage von Beamish (http://www.beamish.org.uk/opening-times/).

Eintrittspreise:

Erwachsene: £18.00
Senionren und Studenten: £13.50
Kinder (5 - 16 J.): £10.00
Kinder (unter 5 J.): frei
Familienticket (1 Erwachsener und 2 Kinder): £33.00
Familienticket (2 Erwachsene und 2 Kinder): £47.00

Sonntag, 26. Oktober 2014

[England] Beamish Teil 1

Beamish - Teil 1


Es sind manchmal die ganz unverhofften Dinge, die einen im wahrsten Sinne des Wortes umhauen und zum Staunen bringen. Uns ging es so mit Beamish. Der Besuch hier, war im Gegensatz zu unserem anderen Urlaubsprogramm nicht geplant, sondern ganz spontan! Irgendwo habe ich einen Flyer mitgenommen und während der Autofahrt vorgelesen. Dann war die Sache klar: Da müssen wir hin. 

Und obwohl ich ungefähr wusste, was uns dort erwarten würde, war ich doch nochmal sehr überrascht, als wir dann tatsächlich vor Ort waren. 

Aber der Reihe nach. Beamish ist ein Freilichtmuseum, in dem das Leben von 1820-1940 dargestellt wird. Es gibt zu jeder Zeit einen eigenen Bereich, die sehr weit auseinander liegen, also nicht ineinander übergehen. Man weiß also immer, dass sich beispielsweise gerade in der Stadt von 1900 befindet oder auf dem Bauernhof von 1940. Und in der Tat, man findet sich tatsächlich in einer anderen Zeit wieder, denn sobald man das Gelände betritt, macht man eine kleine Zeitreise. 

Kommt mit, wir beginnen im Jahr 1820, in einem kleinen Bahnhof….

1820 – 8 Jahre, nachdem die ersten Bergwerkslokomotiven eingesetzt wurden und 5 Jahre bevor die von Herrn Stephenson gebaute Lokomotive „Nr. 1“ erstmals Personen beförderte.
 


Neben dem Bahnhofsgebäude steht eine schwarze Lokomotive. Sie pufft und dampft, dann sehe ich, dass darauf zwei schwarz gekleidete Männer arbeiten. Sie tragen die typische Bahnarbeiter-Kluft jener Zeit und haben rußbedeckte Gesichter. Einer von Ihnen füllt Kohle nach und wir können die Hitze selbst ein paar Meter weiter noch deutlich spüren.

Plötzlich gehen zwei Bäuerinnen mit Körben an uns vorbei und auf einen kleinen Weg zu. Wir schauen den beiden Männern noch ein wenig bei der Arbeit zu, dann folgen wir den Frauen den kleinen Pfad entlang. In der Ferne sehen wir eine Kirche, auf einem Hügel weiter hinten steht ein Haus. Um uns herum stehen Felder mit Gräsern und Getreide. 

Leider ist die Kirche gerade geschlossen, so dass wir weiter zum Haus hinauf gehen. Es ist ein alter Bauernhof, den wir von der Hinterseite aus betreten. Neben uns befinden sich die Ställe, in denen zwei Pferde stehen. 

Als wir das Bauernhaus betreten, sind wir überrascht, wie bewohnt es aussieht. Schon oft habe ich bei anderen Museen gedacht, dass es etwas „arrangiert“ aussieht, aber das ist hier ganz und gar nicht der Fall. Die Menschen hier, haben einfach, aber doch mit einem gewissen Charme gewohnt. 

Sind sie eben erst aufs Feld raus? Nein, zumindest nicht alle, denn die Frau des Hauses sitzt in der Küche und hält einen Schnack mit einer anderen Bäuerin, ich erkenne sie von eben wieder. 

Sie lächelt uns an und beginnt ein Gespräch mit uns. Im Nebenraum gibt es Federn und Tinte, mit der die Kinder schreiben können. Am liebsten würde ich mir die Möbel hier in den Rucksack stecken, wunderschöne Kommoden und ein Sekretär, der mich wirklich schwach werden lässt stehen hier. Die Kinder malen und ich male mir aus, wie schön sich die Möbel in meinem Wohnzimmer machen würden. 

Als wir das Haus durch die Küche wieder verlassen stehen wir in einem Bauerngarten mit vielen Kräutern und Gemüse. Eine sehr romantische Kulisse… 

Es ist heiß an diesem Sommertag und wir brauchen dringend eine kleine Trinkpause. Direkt neben dem Bauernhaus befindet sich eine Pferdekoppel auf der Picknickbänke stehen. Pferde sehen wir keine, also auf das Gatter und unter einem Baum gemütlich gemacht, wie schon die andere Familie neben uns. Aus der kleinen Pause wurde dann eine etwas längere, weil wir es einfach so genossen haben, hier in der Natur zu sitzen.  Ich hole mein Guidebook heraus und wir beschließen, mit der Zeit zu gehen, also in der Zeit voran. Ein kurzer Blick auf den Plan zeigt jedoch, wie weitläufig das Gelände ist und wenn ich nicht schon die Straßenbahnen gesehen hätte, die hier fahren, hätte ich schon etwas resigniert. 

Aber so stellen wir uns in das kleine Wartehäuschen und warten ganz einfach, dass die Straßenbahn hier wieder Halt macht. Die Bahnen fahren alle paar Minuten und zwar in beide Richtungen. Manchmal fährt auch ein Bus – jedes Fahrzeug ist anders und einzigartig. Man weiß also nie, wie man reisen wird. 
 


Die Stadt aus dem Jahr 1900 – mit allem, was dazu gehört. Wir steigen am Beginn der Stadt aus, und sofort steigt uns ein leckerer Duft frischer Backwaren in die Nase. Um die Ecke gebogen sehen wir eine kleine Bäckerei. In der kleinen Backstube steht eine junge Bäckerin, die eifrig dabei ist, Teig zu kneten. Was sie da zaubert, kann man nebenan bei ihrer Kollegin kaufen. Natürlich trägt auch sie, wie alle Mitarbeiter hier, die für diese Zeit charakteristische Kleidung. 



Zu einer Stadt gehört natürlich auch eine Bank. In dieser Stadt ist Leben. Hinter dem Bankschalter steht eine Frau, die uns nach unseren Wünschen fragt. Sie zeigt uns das Geld aus der Zeit und erklärt uns etwas über die Arbeit in der Bank. Dann geht es hinab in den Keller, wo wir einen kleinen Blick in den „Banktresor“ werfen können. 

Im Gebäude nebenan finden wir uns in einer großen Halle wieder. „Was ist das für eine Halle?“. Ehrlich gesagt bin ich ahnungslos und auch mein Mann schaut etwas ratlos. An den Seiten gibt es hier und da Stühle, manche wirken durch die hohe Lehne bedeutender als andere. „Vielleicht ein Gerichtsaal“, rätseln wir „oder eine Art Rathaus“.  Ich frage den Mitarbeiter hier im Raum, aber er nuschelt etwas in einem Dialekt, so dass ich wirklich kein Wort verstehe. Mein Mann ebenso wenig, so dass Finja abschließend feststellt, dass das wohl der Versammlungsraum eines Geheimbundes sein muss und dabei belassen wir es dann auch einfach. 

Das Highlight in der Straße ist jedoch der kleine Süßwarenladen. Hier stehen die Leute schon vor der Tür Schlange und natürlich geben die Kinder keine Ruhe, bis wir uns geduldig am Ende anstellen. Vor der Tür steht ein Mitarbeiter und lässt immer dann jemanden rein, wenn jemand anderes das Geschäft wieder verlassen hat. In der Küche ist ein Konditor damit beschäftigt, Bonbons herzustellen.
Er knetet eine bunte Zuckermasse und schneidet sie dann in kleine Stückchen. Probieren ist natürlich ausdrücklich erlaubt. Im Verkaufsraum stehen wir dann wieder an, denn Jeder möchte sich hier eine kleine Nascherei mitnehmen. Und so landen auch in unserem Rucksack Lollis und Schokolade.

Selbst eine Autowerkstatt fehlt in dieser Stadt nicht, auch wenn Autos damals noch nicht so weit verbreitet waren, wie heute. In der Garage kann man Oldtimer und alte Fahrräder bewundern, überall stehen Ölkanister und anderes Werkzeug herum, eben genau so, wie eine Werkstatt, in der gearbeitet wird, eben aussieht. 
 
Gleich neben der Werkstatt befindet sich ein kleiner Kramerladen, Hier gibt es Stoffe und Spitzen aller Art und Güte, allerdings kann man nicht alle Stoffe erwerben. Dafür gibt es einige ausgewählte Stoffe, die man kaufen kann, der Großteil des Warenangebots dient allerdings der Dekoration. Finde ich sehr gut, denn so hat man nicht das Gefühl, von einem kommerziellen Geschäft im nächsten zu langen. Genauso ist es nämlich auch im Kramerladen nebenan. 


Auf der Gegenüberliegenden Seite ist noch ein Stationary Shop zu finden, der aber schon das Ende der Geschäftstrasse bildet. Hier entdecke ich lustigerweise ein paar Glanzbilder. Kennt die noch jemand von früher? Gerade vor ein paar Tagen habe ich meinen Kindern genau davon erzählt, dass wir die Bilder gesammelt und getauscht haben, die großen waren immer besonders begehrt, ebenso die Kinder in ihrer Landestracht, von denen jeweils zwei auf einem Bogen waren, erinnert ihr euch daran? Ich schwelge schon wieder in Kindheitserinnerungen, mein Sohn rollt die Augen und auch meine Tochter scheint das nicht wirklich zu verstehen (obwohl sie selbst auch jeden Krams sammelt, aber es ist eben eine andere Generation). Also meine Familie teilt meine Begeisterung nicht, dennoch wandert ein Bogen in meine Tasche, um damit unser Urlaubstagebuch zu dekorieren. 

Den Abschluss der Stadt bilden die Wohnhäuser der ansässigen Bürger. Hier leben unter anderem  ein Lehrer und ein Zahnarzt, die uns bereitwillig in ihre Wohnungen eintreten lassen.  Bücher beim Lehrer und eine Praxis beim Zahnarzt. Der Zahnarztstuhl jagt mit Angst ein und ich bin unendlich dankbar, dass ich nicht zu jener Zeit gelebt habe und dann ein Zahnproblem gehabt habe. Schnell wieder raus, bevor wir noch Probesitzen müssen!!

Am Ende der Stadt angekommen sehen wir schon das traumhaft schöne Karussell. Ein Pferdekarussell, das auch heute noch ganz ursprünglich mit Dampf betrieben wird. Finja ist nicht mehr zu halten und läuft den Berg hinab zu dem kleinen Jahrmarkt, auf dem auch ein Zuckerwatte-Stand und kleine Schiffschaukeln zu finden sind. 

Torben und ich machen es uns auf einer Bank gemütlich, wo wir dem bunten Treiben zusehen. Hier sitzen wir noch einige Zeit, denn mittlerweile sind wir schon eine ganze Zeit hier und darum ist auch Zeit für ein kleines Picknick. 




Wir steuern nun den Bahnhof der Stadt an. Er wurde 1867 gebaut und kam aus Rowley, einem Dorf in der Nähe von Consett, County Durham nach Beamish. Hier wurde nie mit Gas oder Elektrizität gearbeitet, sondern ausschließlich mit Öl. Man kann hier auch Lokomotiven aus der Zeit besichtigen.






Wir haben jetzt knapp die Hälfte des Parks geschafft. Was es dort sonst noch zu sehen gibt, was wir auf der Farm aus dem Jahr 1940 und in dem Bergwerkerdorf von 1910 erleben, könnt ihr schon morgen hier auf dem Blog lesen.